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In eigener Sache 2

Interkulturelles und Sinnliches

„In eigener Sache I“ hat ganz bewusst eher lebensphilosophische Punkte meines Denkens angesprochen und vielleicht zum Lesen des gesamten Beitrags angeregt. Hier erlaube ich mir, einige konkretere Worte über mich selbst zu formulieren, einen Komponisten, der seit 30 Jahren balinesische Gamelanmusik spielt, ca. neun Jahre seines Lebens in Indonesien verbracht hat und auch noch gerne kocht.

 

Interkulturelle Ästhetik - Synthese oder Antithese und die Bedeutung des Sinnlichen

 

Für mich ist die Frage, welche Rolle westliches und indonesisches Gedankengut in meiner Musik spielen, weder eine Frage von Synthese noch von Antithese. Die eigene musikalische Sprache kann nur das kumulative Ergebnis einer umfassenden Transformation sämtlicher Erfahrungen sein, die man zu jedem bestimmten Zeitpunkt im Leben in sich trägt. Ich nenne dies den Prozess der Suche nach der eigenen Kultur. Was dabei gesucht wird, ist etwas Authentisches, das die vermeintliche Dichotomie zwischen Synthese und Antithese transzendiert.

Balinesische Musikpraxis oder besser, das Leben in der balinesischen Gesellschaft haben mich beeinflusst. Aber ebenso geschah dies durch Bigband Jazz, freie Improvisation, mein Leben im südwestdeutschen Umfeld und meine Aufenthalte in Südindien oder Japan. Und wie kann dies alles neben meiner Liebe zur Musik von Maurice Ravel und Igor Strawinsky existieren, nicht zu vergessen die Musik von Perotin, Guillaume de Machault, Mozart, Messiaen und Frank Zappa, um nur die wichtigsten zu nennen?

Zeitliche und räumliche Dimensionen sind offenbar nicht mehr deutlich getrennt. Sie arbeiten beide auf unterschiedliche Art und Weise zusammen. In dieser ästhetischen Vielfalt ist es meine Aufgabe, eine authentische künstlerische Position zu finden. Die mitteleuropäische Kultur hat das Zeitliche, die historische Verbindlichkeit lange Zeit zu einseitig in den Vordergrund gestellt. Ich erinnere nur an Adornos Diktum:

...Die Regeln sind nicht willkürlich ausgedacht. Sie sind Konfigurationen des geschichtlichen Zwanges im Material (Theodor W. Adorno: Philosophie der Neuen Musik, Frankfurt 1958, Seite 61).

Das hatte ich verstanden, aber es hat mich nie befriedigt. Die Bedeutung des Räumlichen, vom direkten sozio-kulturellen Umfeld bis hin zu anderen Kulturen war für mich immer von ähnlicher Wichtigkeit.

An dieser Stelle erklärt sich auch mein Interesse an, auf den ersten Blick so profanen Sache wie dem Kulinarischen. Ess- und Trinkkulturen sind für mich schon immer Signaturen des, im positiven Sinne Lokalen und des sinnlich Kommunikativen zugleich gewesen. Beides schafft Brücken im interkulturellen Kontakt. Beides ist ebenso geschichtlich gewachsener und authentischer Ausdruck einer Kultur. Die Leistungen eines Winzers, der mit der Natur zusammen, versucht, eine gemeinsame Identität, bzw. einen gemeinsamen Ausdruck zu finden, haben mich schon immer fasziniert. Das Gleiche gilt für Köche, die es schaffen, Natürlichkeit und sinnliche Magie miteinander zu verbinden. Deswegen ist Kochen auch mein erklärtes Hobby Nr. 1. Einen eigenen Weinberg kann ich mir leider nicht leisten, aber zumindest die Ergebnisse Anderer schätzen. Die kleine und sicherlich unvollständige Auswahl unter „links“ angeführten Winzer vertreten neben vielen Anderen in meinen Augen ein entsprechendes Konzept. Bei den Köchen werde ich sicher nie an erster Stelle den leider viel zu früh verstorbenen Alain Chapel vergessen, während in Deutschland Franz Keller jr., Karl-Josef Fuchs, Eckhart Witzigmann, Harald Wohlfahrt und zuletzt Roy Petermann mich entsprechend beeindruckt haben, um wieder nur Einige zu nennen. Erwähnt werden muss aber, wenn es um meine Quellen geht, I Gusti Gedé Raka (er starb 2002), das Familienoberhaupt derjenigen Familie in Saba/Bali, bei der ich seit 1978 immer gewohnt habe. Sein sensibler Umgang mit Gewürzen und sein Interesse am Kochen überhaupt - obwohl er eigentlich Tanz- und Musiklehrer bzw. eine Art Philosoph war - haben mich gleichermaßen bewegt.

 

Das sagt alles nicht direkt etwas über meine Musiksprache aus, aber etwas über das Lebensgefühl bzw. über die Verantwortlichkeit als Grundlage der eigenen kreativen Arbeit.

Der kreative Prozess gleicht somit, bei aller Sinnlichkeit, einer Art Exegese im Sinne von Helmut Lachenmanns Prinzip des „Komponierens als existentielle Erfahrung“. Auf diesem Hintergrund muss ein Komponieren als „global player“ nicht notwendigerweise eine bikulturelle oder multikulturelle Lebenserfahrung auf einer vordergründig materiellen Ebene widerspiegeln. Hier sehe ich meine Aufgabe, meinen Beitrag zur Weltkultur, indem ich der unendlichen Vielfalt der Welt der Musik ganz lapidar eine persönliche Nuance hinzufüge.

 

 

Postscriptum:

Sie werden vielleicht genauere kompositionstechnische Analysen vermissen. Ich habe sie absichtlich weggelassen, da sie zuviel Spezialwissen voraussetzen. Hierzu empfehle ich mein Beitrag in dem Band: Musik-Kulturen – Darmstädter Diskurse 2, hrsg. von Jörn Peter Hiekel, Saarbrücken 2008, Pfau-Verlag, bzw. Torsten Möller (Hrsg.): Wenn A ist, ist A – der Komponist Dieter Mack, Saarbrücken 2008, Pfau Verlag.

 

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